Sonntag, 18. April 2010

Tag 10
17. April 2010
Projektbesuch Lubulini

Wir könnten zum heutigen Tag einen normalen Reisebericht schreiben: Dann würden wir erzählen, dass wir von 7.15 Uhr bis 20.45 Uhr im Regionalentwicklungsprojekt Lubulini unterwegs waren und dabei von Francis, dem Leiter des Projektgebiets, und seinen MitarbeiterInnen begleitet wurden. Wir hörten von den Schwerpunkten der Arbeit von World Vision in Lubulini, das sind Nahrungsmittelversorgung, Wasser/Hygiene sowie HIV/Aids. Seit 2005 ist World Vision in Lubulini für knapp 20.000 Menschen (überwiegend Kinder und Jugendliche) aktiv.

Wir besichtigten auch einen jener acht Brunnen, die durch eine Sonderspende nach der letzten PatInnenreise nach Swasiland im Jahr 2008 finanziert wurden und nun für 55 Haushalte sauberes Wasser liefert.
Ein Teil der Gruppe besuchte danach eine Schule, die knapp 10 km von der Hauptstraße entfernt war. Aufgrund eines plötzlichen Regenfalls am Abend davor waren die Straßen schlammig und mit dem Bus nicht mehr passierbar, sodass wir in Pickups umsteigen mussten, um zur Schule zu gelangen. Obwohl es Samstag war, kamen viele Kinder und ihre Lehrkräfte, sangen für uns, zeigten uns ihre Schule und freuten sich über die Geschenke (mehrere Tische und Sessel aus einer Sonderspende sowie Schulmaterialien und Bälle).


Dann trafen wir endlich mit unseren Patenkindern zusammen, die geduldig mehr als zwei Stunden auf uns warteten, weil wir aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse große Verspätung hatten. Nach einer Information von Francis über das Projektgebiet und die Arbeitsschwerpunkte durften die PatInnen endlich ihre Patenkinder sehen. Sie begrüßten uns mit einem Lied und hielten ihre Namensschilder hoch, bis sie von uns abgeholt wurden. In einem großen Zelt wurde (mit der Unterstützung von ProjektmitarbeiterInnen als DolmetscherInnen) geplaudert, gelacht, gegessen und gespielt. Die Kinder und deren Familienangehörige freuten sich über die Geschenke, die wir ihnen mitgebracht hatten. Viel zu schnell verging die Zeit und nach einem langen Abschied saßen wir wieder im Bus, um die nächsten Stationen zu besuchen.

In einer Kindertagesstätte für Waisenkinder – eigentlich ein Treffpunkt unter einem Baum mit einer offenen Kochstelle, denn es gab kein Gebäude – trafen wir rund 50 Kinder und ihre Betreuungs-personen. Wir wurden mit einem Lied und einem Tanz begrüßt und konnten erfahren, wie schwierig die Situation für Waisenkinder (insbesondere HIV/Aids-Waisen) und die Dorfgemeinschaft ist. Die kleinen Kinder werden von ihren älteren Geschwistern in der Früh zum Kindertreffpunkt gebracht und nach der Schule wieder abgeholt. Viele Jugendliche müssen nämlich die Rolle der Eltern einnehmen, wenn diese bereits verstorben sind. Tagsüber werden die Kleinen von Frauen aus dem Dorf betreut, die auch für sie kochen. Wir übergaben die Lebensmittel, die wir eingekauft hatten (Reis, Mehl, Bohnen, Karotten, Kürbisse, Kartoffeln, Zwiebeln, Äpfel, Öl, Salz, Pfeffer).

Zum Schluss – es wurde bereits dunkel – trafen wir noch mit einer Gruppe zusammen, die Esel einsetzt, um Wasser von einer weit entfernten Wasserstelle zu holen. Wir wurden nicht nur von den Dorfältesten begrüßt, sondern auch vom Chief persönlich, was eine große Respektsbezeugung darstellt. Wir erfuhren, wie wichtig das Thema Wasser im täglichen Leben ist und wie groß der Bedarf nach wie vor ist.
Am späten Abend kamen wir müde und erschöpft wieder im Hotel an.


Wir könnten aber anstelle des Reiseberichts auch einfach nur unsere Eindrücke zum heutigen Tag schildern:

Trockenes Buschland, und mitten im Nirgendwo ein Brunnen: Frauen haben große 20-Liter-Kanister dabei, die sie mit sauberem Trinkwasser füllen. Eine Selbst-verständlichkeit für uns, jedoch nicht in Lubulini. Denn es gibt immer noch Wasserstellen, die Mensch und Tier gemeinsam nützen, doch dieses verschmutzte Wasser ist immer noch besser als Durst. Es ist schön für uns zu sehen, dass sich unser Engagement gelohnt hat. Auch wenn die VertreterInnen der Community sehr zurückhaltend sind, wird spürbar, wie wichtig dieser Brunnen für sie ist.

Auf einem kleinen Hügel in der Hitze der afrikanischen Sonne eine Schule: fröhliche Kinder in ihren Schulgewändern, die neugierig auf uns zukommen und für uns singen und tanzen. Trotz ihrer zerschlissenen Kleidung und der meist fehlenden Schuhe strahlen sie Freude aus. In den Schulklassen sitzen die Kinder ruhig und ernsthaft mit großen Augen an ihren Tischen. Sofern sie überhaupt Tische und Sessel haben, denn viele der Kunststoffsessel sind bereits kaputt, der Sitzteil ist gebrochen oder fehlt völlig, sodass die SchülerInnen auf dem Metallgestell sitzen müssen. Doch selbst das ist besser, als es die Kinder der 1. und 2. Klasse haben: Es ist erschütternd zu sehen, wie die Kleinen auf dem kalten und harten Betonboden knien, eng aneinandergekauert in den schmalen, dunklen Klassenzimmern, vor sich Holzsitzbänke, die allerdings als Tisch dienen müssen. Es ist für uns unvorstellbar, dass diese Kinder trotzdem gerne in die Schule gehen.

Der Höhepunkt des Tages: unser Treffen mit den Patenkindern. Laute Jubelrufe sind zu hören, strahlende Menschen strömen auf uns zu und begrüßen uns herzlich. Es sind die Angehörigen unserer Patenkinder, die sich über unser Kommen freuen. Und dann sehen wir die Kleinen: schüchterne Blicke, ein erstes, zartes Lächeln, ein sanfter Händedruck. Beim Plaudern mit den Kindern und ihren Familienangehörigen sind Interesse, bescheidene Zurückhaltung und Respekt vor uns sichtbar. Wir erzählen über Österreich und wie wir leben und erfahren, dass die Kleinen oft 5 bis 7 km in die Schule gehen und die Größeren schwere 20-Liter-Wasserkanister auf ihrem Kopf nach Hause tragen. Sie klagen nicht, spürbar sind nur Freude und Dankbarkeit. Aber auch das Erstaunen, dass es Menschen in einem fernen Land gibt, denen sie etwas bedeuten und die sie mögen, ohne sie zu kennen. Die Stimmung ist wie bei einem gemütlichen Familienfest an einem strahlend schönen Samstag Nachmittag mit Gästen aus dem fernen Österreich. Wir haben unsere Patenkinder beschenkt, und zugleich haben wir noch mehr Geschenke erhalten: große, strahlende Kinderaugen, Freude beim gemeinsamen Spielen, das vorsichtige Ergreifen und Drücken unserer Hände, eine innige und herzergreifende Umarmung. Es ist unglaublich, wie glücklich und zufrieden diese Menschen in ihrem bescheidenen Umfeld leben.

Es geht weiter zu einer Kindertagesstätte: Wir haben ein gemauertes Haus erwartet, in dem die kleinen Waisenkinder den Tag verbringen können und eine warme Mahlzeit erhalten, bevor sie wieder allein oder mit ihren größeren Geschwistern in ihre Wohnhütte gehen. Doch wir halten vergeblich Ausschau nach einem Haus. Rund 50 Kinder und einige Frauen der Dorfgemeinschaft finden sich unter einem Baum zusammen. Es wird auf einer offenen Feuerstelle gekocht, rundherum ein Windschutz aus Wellblech. Die kleinen Kinder freuen sich riesig über unsere Bälle und toben beim gemeinsamen Ballspiel umher, andere laufen und springen den Luftballons hinterher. Ein etwa sechsjähriges Mädchen – in einem zerschlissenen Kittel und barfuss – trägt den kleinen Bruder auf dem Arm, ein anderer Kleiner stolpert umher und weint herzzerreißend. Viele große Kinderaugen sehen uns mit einer Hoffnungslosigkeit und Ernsthaftigkeit an, die so gar nicht zum Alter der Kleinen passen mag. Unter dem Baum sitzt einsam und allein ein junger Bursch, er ist blind und kann daher nicht einmal Lesen und Schreiben lernen. Gott sei Dank regnet es heute nicht, sonst könnten die Kinder nicht zum Treffpunkt kommen und hätten auch nichts zu essen. Die Frauen stehen am Rand der Gruppe und blicken ernst. Die geduldige Ausdauer der Frauen, das Beste aus ihrem Leben und dem Schicksal der Waisenkinder zu machen, ist greifbar. Als wir ihnen die Lebensmittel, die wir gekauft haben, überreichen, steigen Tränen in ihre Augen und sie umarmen uns innig. Eine Brücke zwischen Menschen, die unterschiedlicher nicht leben können, ist so schnell gebaut – durch Achtsamkeit und Menschlichkeit.

Es wird schon dunkel, als wir mit einigen Dorfältesten bei ihrem Gemeindehaus zusammentreffen. Ein alter Mann mit ernstem Blick, auf seinen Stock gestützt, geht den Hügel herauf und setzt sich zu uns. Es ist der Chief, und sein Kommen zeigt seinen Respekt und seine Wertschätzung uns gegenüber. Selbst in der kurzen Zeit unseres Besuchs spüren wir die Herzlichkeit der Swazis, ihre Freude über unser Interesse und die Hoffnung auf Hilfe durch World Vision.

Unser Projektbesuch ist zu Ende. Doch das fröhliche Lachen der Kinder, zugleich ihre traurigen Augen, die bescheidene Hoffnung der Frauen und der vorsichtige Wunsch der Männer auf Unterstützung begleiten uns nach Hause.

Judith und Gerhard Brunner

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